Gegenwartsliteratur

Alte Weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch von Sophie Passmann

 

Achtung, bitte ducken: F E M I N I S M U S. Oh, oh böses Wort. Heutzutage fühlen sich Menschen, die man mit dem Wort Feminismus konfrontiert, in einem Gespräch, in den Medien oder auf Twitter, oft angegriffen oder rollen mit den Augen. Ich selber habe mich mit dem Thema der Gleichberechtigung der Frau erst seit letztem Jahr beschäftigt und gemerkt, wie sehr ich die Jahre davor gepennt habe und viele Dinge einfach für selbstverständlich hielt, in meiner Rolle als Frau.

Wenn man sich im Netz mit Feminismus auseinandersetzt, kommt man an Sophie Passmann nicht vorbei: 25 Jahre alt, Radiomoderatorin, gern zu Besuch bei Jan Böhmermann, weis guten Wein zu schätzen und aktive Twitter-Schreiberin. Schon herzhaft habe ich immer über ihre Tweets und Kommentare gelacht und somit war eindeutig ich muss ihr Buch, welches sie im März 2019 rausgebracht hat, lesen.

In Sophie Passmanns Buch geht es um den alten, weißen Mann. Doch wer ist dieser alte, weiße Mann? Im Allgemeinen habe ich den alten, weißen Mann für mich als jemanden definiert, der Frauen so wertschätzt und behandelt, wie es im Alltag vor noch gut 50 Jahren der Fall war. Anzug, Laptoptasche, Macht, Vorstand und Stammtisch sind nur einige Wörter, die ich mit ihm assoziiere. Eins ist klar: Der alte, weiße Mann will Macht, an der Macht bleiben und sie dementsprechend zu seinem Vorteil ausüben. Doch um zu klären, ob dieser Charakter tatsächlich an der Benachteiligung der Frau schuld ist, begibt sich Sophie Passmann auf eine Reise quer durch Deutschland, um Männer zu interviewen wie zum Beispiel Kai Diekmann – ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und der BILD, Robert Habeck – Politiker bei den Grünen oder Marcel Reif – Sportjournalist und Kommentator. Dabei lässt sie die Männer entscheiden, wo das Interview stattfinden soll. So kommt es, dass Sophie Passmann mal in einem Park picknickt und Wein trinkt, über Zäune klettert, um an der Spree zu sitzen, sich in einem Steakrestaurant (als überzeugte Veganerin) wiederfindet oder ganz klassisch in einem verglasten Büro in einem Hochhaus.

Ich habe das Buch gelesen, als es frisch veröffentlicht wurde, sodass ich ein Glück noch nicht die sich vielen spaltenden Meinungen im Netz darüber mitbekommen habe. Viele fühlten sich direkt angegriffen, warfen ihr Leichtsinn und jugendliche Naivität vor und das sie zu verbissen in nur eine Richtung blickt. Ich kann nur empfehlen zu versuchen das Buch neutral zu lesen und sich einfach von Sophie Passmans Vielfalt, Ernsthaftigkeit und Humor beglücken zu lassen. Ihre Direktheit gegenüber den Männern gefällt mir sehr. Sie setzt gezielt ihre Fragen an und kontert messerscharf mit Gegenargumenten. Das Einzige was mir unklar blieb ist der eigentliche „Schlichtungsversuch“ wie im Titel angekündigt. Die Interviews sind alle eine gute Grundlage, um noch weitere Texte darauf aufzubauen und vielleicht ein noch weiteres Buch rauszubringen, was sich mit den tatsächlichen Fakten, der Benachteiligung der Frau aus Sicht der Männer, beschäftigt.

Feminismus und die Gleichberechtigung ist ein Thema der heutigen Zeit, dass nicht nur Frauen etwas angeht, sondern auch Männer. Auch ein Mann kann ein Feminist sein, ohne sich gleich als Frau zu fühlen. Es geht vielmehr darum offener und gezielter zu zeigen wie wichtig es ist sich dafür einzusetzen. Genau das ist der Punkt, den Sophie Passmann aus den Männern herauskitzeln will. Ich bewundere sie für ihren Mut und ihren Einsatz bei dem Thema. Gerade weil sie noch jung ist und nicht viel älter ist als ich, finde ich es bewundernswert, wie sie auch in der Öffentlichkeit mit dem Thema umgeht und andere inspiriert, aber auch angreift. Durch sie ist mir noch intensiver bewusst geworden, wie viel noch in der Welt falsch läuft und wir Frauen uns in Sachen Gleichberechtigung niemals reinreden lassen sollten.

Das Buch genießt man noch mehr mit einem guten Glas Wein in der Hand. Ich habe so oft herzhaft über Sophie Passmanns Kommentare gelacht und versucht keinen Wein zu verschütten. Das Buch zeigt das vielfältige Denkmuster von Männern in Sachen Feminismus, Macht und Gleichberechtigung. Sicher, es gibt noch mehr Meinungen, aber wenn man sich mit diesen aktuell hitzigen Themen auseinandersetzen möchte oder sich anfangen will eine Meinung darüber zu bilden, kommt man an Sophie Passmanns Buch nicht vorbei. Anstatt sie zu verurteilen für ihre jugendlichen Naivität und Verbissenheit, stehe ich auf und klatsche einmal für den Mut, Männer damit offen zu konfrontieren und dies zu veröffentlichen.

Titel: Alte weiße Männer – Ein Schlichtungsversuch
Autor: Sophie Passmann
Verlag: Kiwi-Taschenbuch
Erschienen: März 2019
Seiten: 288
Preis: 12,00 €

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