#CoffeeDate: Zurück am Kindertisch

Es hat mich schon immer gestört, aber in den Corona-Zeiten ist mir innerlich der Kragen geplatzt. Darf ich Sie zum Kindertisch begleiten? Egal ob zu Familienfeiern oder das Grillen bei den Eltern oder Schwiegereltern: Wenn die Familie zusammenkommt, dann wird die jüngere Generation an den Kindertisch verfrachtet. Nicht physisch, aber psychisch.

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Meinungen werden ausgetauscht, es wird sich lautstark über Politik oder die Schule unterhalten. Situationen werden ausgetauscht, in denen man erbost war. Und alles irgendwie immer negativ. Ich darf dann lediglich zu Wort kommen, wenn ich gefragt werde, wie denn die Uni so läuft und wann ich dann endlich mal fertig werde. Aus Protest antworte ich jetzt schon immer „Mal sehen, dann wenn ich Lust darauf habe“. Anscheinend ist dies nämlich das Einzige, wozu ich eine Meinung haben darf.

Menschen, die sich an die Schutzmaßnahmen halten in der heutigen Pandemie-Zeit und die Schlimmeres verhindern wollen werden als „Irre“ dargestellt. Man solle doch endlich mal aufhören mit dem ganzen Quatsch. Kopfschüttelnd wird dann gemeckert, dass man dieses Jahr doch nicht in den Urlaub fahren kann, kein all-Inclusive genießen und nicht durch zu volle Touristen-Städte wandern kann.

Und dann hole ich tief Luft…um doch einfach nur auszuatmen. Einfach still schweigend daneben zu sitzen, während es in meinem Inneren brodelt. Kein Wort sagen. Aus Angst eine Diskussion anzufangen, worin ich nicht gut bin. Aus Angst mal wieder als das komische Kind oder als die komische Freundin mit der seltsamen Meinung dazustehen. Aus Angst dann doch nur ausgelacht zu werden. Aus Angst jemanden zu verletzen. Aus Angst das schöne Familienleben einfach kaputtzumachen. Ich traue mich nicht.
Und doch möchte ich so viel sagen. So viel einwenden gegen diese einsichtigen Meinungen. Menschen, die nicht über den Tellerrand hinausblicken und mal etwas Neues wagen oder Verständnis haben. Sie befinden sich nicht mal in den Situationen, wo meckern gestattet wäre. Oder wo Armut vorherrscht.

Trotzdem sitze ich dann nur stillschweigend als fünftes Rad am Wagen dar und schweige. Man erwartet nicht mal eine Meinung oder Einwendung von mir. Ich bin in diesen Augen dann doch eben noch ein Kind. Ich werde nicht mit einbezogen in solche Diskussionen, werde nicht gefragt es sei denn es geht um die Uni. Ich fühle mich an den Kindertisch degradiert.

Ich bin 24, habe Abitur gemacht, einen Bachelor-Abschluss und bin gerade dabei meinen Master in Wirtschaftsinformatik zu absolvieren. Ich habe in meinen drei Jobs viele Erfahrungen gesammelt, Gelder in Großkonzernen herumgeschoben, Webseiten mitprogrammiert und Projekte geleitet. Habe mit Chefs auf Augenhöhe Meinungen und Kritik ausgetauscht. Ich bin gebildet und klug. Trotzdem zählt das dann nicht dazu. Weil es keiner versteht. Weil wir halt unterschiedlich sind. Weil jede Generation ihre eigenen Erfahrungen und Perspektiven hat. Auch im Jahr 2020.

Es gibt so viele solcher Situationen, nicht nur in der Corona-Pandemie. Ich traue mich nicht zu sagen ich möchte doch kein Stück Wurst, weil ich doch kein Fleisch mehr essen will und mich lieber vegan ernähren möchte. Was ich damit bewirke? Ich mache mich selber zum Opfer und zum Angriffsschild. Es ist ja nur eine Phase. „Aber vor zwei Wochen hast du doch noch Fleisch und Käse gegessen!“ Okay, weil ich nicht Nein sagen kann, nehme ich schließlich doch den Latte Macchiato mit Kuhmilch. Will halt dann doch nicht „so Eine“ sein. Eine, die anders ist. Vielleicht bin ich auch einfach zu inkonsequent. Kann meine Meinung nicht einfach frei heraus sagen. Bin zu leicht zu beeinflussen und habe mache mir einen Kopf, was andere über mich sagen könnten. Schiebe ich jetzt den anderen die Schuld zu oder habe ich recht? Es ist schließlich Familie.

Nicht, dass ich es noch nie probiert hätte auf Augenhöhe im Familienkreis mit zu diskutieren. Wenn ich dann doch etwas sage, wird geschwiegen. Oder es wird laut. Oder es wird belächelt. Man könnte sagen, ich habe den Nerv der alten Generation getroffen. Aus diesen Gründen ist mir bisher auch die Motivation ausgegangen irgendwas einzuwenden und mitzureden.

Ich weiß, es wird sich nichts ändern dies alles nur hier niederzuschreiben und draußen in der Welt nicht an meinem Verhalten zu arbeiten. Das hier hat gut getan. Zum Reflektieren. Zum selber klar machen. Zum Eingestehen das es so nicht weiter gehen kann. Wir akzeptieren Veränderungen nur schwer. Und ich kann jetzt schon voraussagen, dass es donnern wird. Ich wünsche mir mehr Mut von mir selbst. Bisher konnte ich das Selbstbewusstsein nicht aufbringen. Schade, für mich.

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