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Die Psychofalle – Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht, von Jörg Blech

Die Psychofalle

„Die Psychofalle“ ist ein Fachbuch von Jörg Blech und ist 2016 (zweite Ausgabe) im Fischer Verlag erschienen. Das Buch führt eine Menge an Beweisen, belegt durch Studien, an, weshalb mit der Entwicklung der heutigen Zeit immer mehr Menschen viel zu schnell eine psychische Krankheit angehängt wird. Plötzlich sind wir nicht mehr die Person mit den Stimmungsschwankungen und wechselnden Gefühlen, sondern die depressive Person. Das Buch deckt zudem auf wie die Psychiatrie und Pharmaindustrie zusammenarbeitet und dadurch stetig wachsende, neue Krankheiten diagnostiziert werden und die neusten Pillen gegen alle möglichen Symptome verschrieben werden.

Psychische Erkrankungen verbreiten sich dramatisch. Angststörungen, Depressionen und Süchte haben sich schon längt zu Volkskrankheiten entwickelt. Jörg Blech betitelt unser Zeitalter als die Depression des 21. Jahrhunderts. Doch komischerweise müsste es uns besser gehen als vor 100 Jahren: steigender Wohlstand, die Weiterentwicklung von Technologien, politische und soziale Haltungen. Doch irgendwas scheint an unserer Seele zu hängen. Gesellschaftliche Probleme sind die Ursachen für unsere Leiden: die Arbeitssituation, das Schulsystem, die Globalisierung, sozialer Druck. Aber nur weil wir gestresst, ausgelaugt, vergesslich und unaufmerksam sind, bedeutet das nicht das wir psychisch krank sind. Doch heutzutage wird eine Person mit diesen Eigenschaften viel zu schnell abgestempelt. Oder stempelt sich selbst ab.

„Dieser Anstieg der Diagnosen bedeutet aber keineswegs, dass psychische Störungen heute häufiger vorkommen als früher“

Ein weiteres Thema des Buchs dreht sich um die Leute, die eine psychische Krankheit an uns diagnostizieren. Wir vertrauen Ärzten. Sie haben einen hohen Status in unserer Gesellschaft und wir können nicht anders als ihnen unser Vertrauen zu schenken, da wir ihnen unsere Gesundheit in die Hände geben. Niemand würde einfach behaupten, der Arzt stellt nur eine Diagnose fest um Profit zu machen, obwohl mir nichts fehlt. Medikamente, die ich verschrieben bekomme, würde ich selbstverständlich nehmen. Es ist ja in meinem Interesse, das es mir besser geht. Doch es gibt Ärzte, die intensiv mit den Pharmaindustrien zusammenarbeiten. Sie könnten Medikamente von Firmen bevorzugen. Neue Diagnosen stellen, die genau auf ein Medikament passt. Würdet ihr einem Arzt immer noch so vertrauen, wenn ihr wisst, er verschreibt bevorzugt Medikamente der einen Firma? Wahrscheinlich nicht.

„Viele Merkmale und Verhaltensweisen, die heute manchen als psychische Störung gelten, sind natürliche Anpassungen, die sich im Zuge der Evolution entwickelt haben […]“ (S. 92, Die Natur der Seele)

Kennt ihr noch den Struwwelpeter? Oder den Zappelphilipp? Allseits beliebte Beschreibungen für Kinder, die unaufmerksam, unruhig und zappelig sind. Das ist eins der Themen in dem Buch, das mir am meisten gefallen hat. Was hinter der Kinder- „Krankheit“ -Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperktivitäts-Störung, kurz ADHS, steckt. Und wie wird der Zappelphilipp beruhigt und verhält sich wie ein „normales“ Kind? Er bekommt einfach ein paar Psychopharmaka mit in die Brotdose und die Sache hat sich erledigt. Jörg Blech fokussiert sich darauf zu erklären, dass ADHS eine Folge von Umwelt und Erziehung ist. Und das schmeckt den ein oder anderen Eltern oft überhaupt nicht. Die Marie oder der Paul sind schlecht erzogen? Nein das sind die Gene, der Papa war auch so, als er so klein war. Die Enttäuschung das eigene Kind bringt nicht das gewünschte Verhalten und die Leistungen, verführt Eltern dazu ihre Kinder als „anders“ abzustempeln. Daher sind Dinge in der Umwelt der Kinder meist die offensichtlichen Auslöser: Leben die Eltern getrennt? Wie ist die Beziehung zu dem Kind? Wir das Kind genug gefördert? Es ist oft eine Herausforderung für Eltern sich mit den Problemen des Kindes auseinanderzusetzen. Die schnellste Lösung ist da der Gang zum Psychologen. Denn: Eine Pille lässt sich schnell verschreiben.

Fazit

Welche Frage ich mir am Ende des Buches gestellt habe: Wo ist die Grenze, zwischen einem normalen Verhalten und Symptomen einer psychischen Erkrankung? Mir ist bis heute unklar was wir genau als psychische Krankheit definieren können und wann wir Psychologen unser Vertrauen schenken sollen. Woran erkennen wir einen Psychologen, der uns nicht nur Medikamente beschreiben möchte?
Das Buch schärft den Blick für diese Industrie und zeigt das Stimmungsaufheller nicht immer die beste Lösung sind. Es hat in mir den Drang ausgelöst zu hinterfragen, ob jede negative Phase gleich als eine Depression abgestempelt werden sollte. Das Buch ist eine klare Empfehlung, auch wenn Fragen für mich am Ende offen bleiben. Es drängt dazu sich besser mit unseren Umwelteinflüssen zu beschäftigen und mit offenen Augen durch das Leben zu gehen. Und dabei bloß nicht in die Falle tappen.

Die Psychofalle – Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht von Jörg Blech – Fischer Verlag

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