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Geben wir den Leisen eine Stimme! Still – Die Kraft der Introvertierten, von Susan Cain + TED Talk

Du bist verabredet mit eine/m Freund/in. Ihr wolltet euch bei dir zu Hause treffen, bei einer Tasse Tee und euch austauschen wie es euch so geht, was bei euch im Leben passiert ist. Du freust dich auf dieses Treffen, hast es in deine Woche fest in deinen Terminkalender mit eingeplant. Am Tag der Verabredung ruft dein Freund/in an und meinte, es würde eine Einzugsparty geben, zu der sie/er eingeladen ist und du unbedingt mitkommen sollst, sie/er habe große Lust dort hinzugehen. Schon beim Telefonieren merkst du, wie dir warm wird, deine Gedanken überschlagen sich: „Ich kenne dort keine Leute“, „Was wenn ich niemanden zum Reden finde“, „Mir wäre ein ruhiges Treffen zu zweit lieber“, „Warum will sie/er sich jetzt nicht nur mit mir treffen?“. Die Vorstellung dort in eine fremde Wohnung zu gehen, sich neuen Leuten vorzustellen und mit Ihnen zu reden (womöglich noch in einer anderen Sprache!!!) ist für dich gleichzusetzen wie eine Präsentation vor vielen Leuten zu halten, und zwar unvorbereitet. Leichte Panik steigt in dir auf, du merkst, wie deine Laune von Minute zu Minute schlechter wird, und bist gerade dabei dir alle möglichen Ausreden einfallen zu lassen, weshalb du nicht hingehen solltest. Aus Angst vor Abneigung sagst du aber „Klar kein Problem das hört sich gut an, ich hätte Lust.“ Kommt dir das bekannt vor?

Wir leben in einer Welt in der selbstbewusste, redegewandte und extrovertierte Menschen sehr geschätzt werden. Das sind Eigenschaften die viele Vorteile in der Schule, im Studium, in der Arbeit, aber auch im Alltag bringen. Leise, zurückhaltende und introvertierte Menschen, die nicht bei jeder Gelegenheit nach vorne springen, haben es da oft schwer. Susan Cain erklärt in ihrem Buch „Still – Die Kraft der Introvertierten was für eine Macht in den introvertierten Menschen dieser Welt steckt, wieso unsere Gesellschaft darauf ausgelegt ist nur den extrovertierten Menschen eine Stimme zu geben und wie wir es schaffen umdenken zu können.
 

„Menschen, die nicht reden, werden für schwach oder mangelhaft gehalten..“

 

Um dies gleich vorwegzunehmen, Schüchternheit ist nicht gleichzusetzen mit introvertiert. Schüchterne Menschen haben oft Angst vor einem gesellschaftlichem Urteil, während introvertiert eher beschreibt wie wir auf Stimulation unserer Umgebung reagieren. Introvertierte fühlen sich stark, kreativ und voller Power in einer ruhigeren, gemäßigteren Umgebung. Nicht immer aber ziemlich oft. Extrovertierte Menschen leben von einer aktiven Stimulation. Das heißt, um sich gut zu fühlen und das zu machen, was man am besten kann, müssen wir uns in den richtigen Bereich der Stimulation begeben: sei es mit einem Buch zu Hause auf dem Sofa oder unterwegs in einer Gruppe.

Und hier ist das Problem: Unsere öffentlichen Einrichtungen mit denen wir täglich zu tun haben, sei es die Schule oder die Arbeit, sind hauptsächlich für Extrovertierte entworfen worden, weil das unser Glaubenssystem ist. Wir denken heute, dass das Gruppendenken der Ursprung für unsere Kreativität und Produktivität ist. Man nehme nur das klassische Beispiel von Großraumbüros: keine Wände, große und offene Bereiche, zusammengestellte Tische, schnelle Meetings mitten im Raum.
 

Die Mitarbeiter sollen möglichst in vielen Situationen als TEAM interagieren und ZUSAMMEN Probleme angehen und Lösungen finden. Aber ist das immer der richtige Ansatz?

 

 

Ein weiteres Beispiel was das „Problem“ der introvertierten Menschen zeigt, das Susan Cain benutzt ist das Konzept was in der Schule angegangen wird. Früher gab es in den Klassenzimmern nur einzelne Tische, wo jedes Kind seinen eigenen Platz hatte, alleine. Mit der Zeit kamen Tischreihen dazu, sodass man in bestimmten Situationen schon zusammenarbeiten konnte. Doch heutzutage gibt es oft nur noch Tischgruppen. Das heißt 4-5 Schüler sitzen sich gegenüber an einem großen Tisch. Alles ist darauf ausgerichtet, dass Kinder Aufgaben in der Schule zusammen lösen. Auch Fächer wie Mathe, Kunst oder Deutsch wo das eigene Denken gefragt ist, werden auf Gruppenarbeiten ausgelegt.

Für Kinder die gerne alleine arbeiten wollen, um für sich nachzudenken, werden dann oft als Sonder- oder Problemfälle eingestuft. „Die Marie ist so ruhig und bringt sich gar nicht richtig mit ein, ist alles okay mit ihr?“, „Der Hans liest in der Pause ein Buch und macht nichts mit uns, der ist ganz schön komisch.“ Uns wird also schon als Kinder verinnerlicht, dass wir kontaktfreudig sein sollen, sonst sind wir nicht ganz richtig.
 

Gebt den Introvertierten in dieser Welt die Chance gehört zu werden.

 

Selbstverständlich sollte man die Menschen nicht nur in diese zwei Kategorien unterteilen: extrovertierte und Introvertierte. Beide Ebenen können auch verschwimmen, weil jeder von uns in seinem Leben ein ganz eigene Persönlichkeit entwickelt hat. Wenn ich dies auf mich selbst reflektiere, sehe ich mich folgendermaßen:

Wenn Menschen mich neu kennenlernen oder mich nur oberflächlich kennen, sehen sie mich oft als lebenslustigen und offenen Menschen. Doch ich bin immer die Ruhige, in Gruppenarbeiten, in Meetings. Es fühlt sich für mich oft nicht normal, an mitzureden, ich höre viel lieber zu. Dennoch bin ich teamfähig. Ich würde von mir aus sagen, dass ich ein introvertierter Mensch bin. Nachdem ich irgendwo war mit vielen Menschen, es laut war, viel geredet wurde, brauche ich Zeit um mich wieder aufzuladen. Alleine, mit einem Buch. Ich habe keine Angst vor Präsentationen, sie machen mir sogar Spaß. Ich habe ein Theaterseminar in der Schule besucht und liebe es mit meiner Sprache und meinem Ausdruck, Leuten etwas vorzuspielen.

Wir sehen also ein Mensch kann sich nach außen hin extrovertiert geben, wenn er nur möchte. In viele Filmen und Serien haben die Rollen ganz eigene Charaktereigenschaften. Und das ist auch gut so, denn sonst wäre der Film oder die Serie langweilig. Nur weil ein Mensch ruhig ist, bedeutet es nicht das dieser schwach ist oder nichts zu sagen hat.
 

TED-Talk von Susan Cain

Susan Cain hat unter anderem auf der TED-Konferenz einen Vortrag zu dem Thema introvertiert gehalten, den ich dir gerne ans Herz legen möchte:

Quelle: TED-Talk von Susan Cain
 

Fazit:

Susan Cain hebt ganz deutlich hervor, dass jeder Mensch mit seiner Persönlichkeit und seinem Charakter geschätzt und respektiert werden soll. Sie setzt sich ein für die Introvertierten und erklärt anhand von Forschungen woher das einseitige Denken der Gesellschaft kommt. Gerade Führungskräfte sollten sich dieses Buch zu Herzen nehmen. Es lehrt viel über menschliche Charakterzüge, Eigenarten und sensibilisiert den Blick. Zudem ist es das erste Buch, mit dessen Inhalt ich mich zu hundert Prozent identifizieren konnte. Es war wie eine gute Freundin, die mich beschrieben und verstanden hat.
Still – Die Kraft der Introvertierten“, von Susan Cain – Goldmann Verlag

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