Tagebuch

Letzter Akt – Maskenball

 

Ich habe mir dieses Jahr viele Masken aufgesetzt: goldene, pinke, gestreifte, glitzernde. Und dann waren da aber auch graue, schwarz-weiß und durchsichtige. Ich habe mit diesen Masken 2018 in vielen verschiedenen Stücken mitgespielt. Mal als Haupt- und manchmal als Nebenrolle. Und manchmal nur als Bühnenbild.
Viele Castings.
Viele Zusagen.
Viele Absagen.
Doch das war gut so. 2018 gab es so viele Stücke zu spielen, wie noch nie in meinem Leben. Manchmal waren es richtige Dramen. Komödien. Tragödien. Und immer irgendwie ein Liebesstück.

Ich sehe meinen Schauspieler Kollegen und Kolleginnen in die Gesichter. In ihre Masken. Ich jubele
„Wir haben das Stück fast geschafft! Der letzte Akt liegt noch vor uns, aber es war ein voller Erfolg! Lasst uns sogleich mit den Vorbereitungen für das nächste beginnen!“
Doch während ich meine Maske abnehme, bereit die nächste aufzusetzen, sehe ich, wie sie das nicht können.
Ihre Masken sind festgewachsen.
Sie wissen es. Unversucht die Maske abzunehmen, es geht einfach nicht. Sie hatten sie zu lange auf. Sie spielen nur in diesem Akt. In diesem einen Stück. Sind Masken nun etwas Gutes? Oder etwas Schlechtes? Müssen sie irgendwann festwachsen? Müssen wir alle unsere Masken irgendwann abnehmen? Für mich sind sie etwas Gutes. Ich kann in verschieden Rollen schlüpfen. Mich ausprobieren. Welche Maske steht mir? Wer bin ich? Vielleicht gibt es nicht nur eine richtige Maske für mich, sondern mehrere. Vielfältigkeit. Heute bin ich die schüchterne, liebevolle und gutmütige Prinzessin. Und morgen bin ich die starke, selbstbewusste und mutige Kriegerin.
Doch während ich meine Maske abnehme, bereit die nächste aufzusetzen, sehe ich, wie sie das nicht können.
Ihre Masken sind festgewachsen.

Und all diese Stücke waren doch eigentlich nur Akte, in einem großen Stück: 2018. Noch ein paar wenige Tage Zeit das Stück zu Ende zu bringen. Ich spüre wie alle gebannt auf das Ende warten. Das Publikum blickt gespannt empor. Es ist ruhig im Saal. Kommt da noch etwas? Ist das schon das Ende? Eigentlich möchte ich jetzt schon den Theatersaal verlassen. Durch den Hinterausgang. Und mich fertig machen für das neue Stück: 2019. Kostüme und Masken ausprobieren. Jetzt schon den nächsten Akt studieren und auswendig lernen. Wer wird dann seine Maske am Ende des Stücks noch abnehmen können? Und wer kann es nicht?

Mit Sekt und lautem Beifall werden wir 2018 beenden. Goldene, funkelnde Kleider. Zurecht gemachte Haare. Hohe Schuhe. Roter Lippenstift. Leicht beschwipst und in Melancholie an die Erinnerungen und Ereignisse von 2018. Gänsehaut.
Wer geht?
Wer bleibt?
Wird 2019 die gleiche Besetzung haben?
Welche Peripetien wird es geben?
Was ist die Exposition und was die Katastrophe?
Ich mache mich bereit, ein letztes mal auf die Bühne zu gehen, bevor der Vorhang fällt. Scheinwerferlicht. Spannung. Bereit nochmal alles zu geben. Letzter Akt: 2018.

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