Tagebuch

Meeresrauschen

 

Immer wenn ich sie hinaus nehme, ans Ohr halte,

kann ich hören wie sie mir etwas zuflüstern.

Meeresrauschen.

Wind.

Ein Lachen.

Ein Denkarium voller Leben. Tausend Jahre.

Ich lege Muscheln in mein Marmeladenglas.

 

Der Sand und das Strandgut unter meinen Schuhen knirscht. Ich sinke etwas ein und bleibe stehen. Schließe die Augen. Der kalte Wind streift an meinem Gesicht vorbei und ich spüre die Kälte unter meiner Haut, trotz zwei dicker Pullis. Ich vergrabe mich tief in meinen Schal. Unweigerlich muss ich anfangen zu lächeln. Wie egal alles um einen herum wird, wenn man hier ist. Wie der kalte Wind die Gedanken nimmt und sie einfach wegträgt. Wie das Rauschen, alles Unnötige aus dem Kopf hinaus spült. Ich laufe weiter hinunter, näher heran. Das Meer ist ganz ruhig. Das Wasser wird in sanften Wellen an den Strand gespült. Irgendwo weiter hinten kreischt eine Möwe. Die Luft riecht nach Salz und Algen. Ich atme tief ein. Mich zieht es immer wieder zu dir, du bist ein magischer Ort. Egal wo auf der Welt. Es fühlt sich jedes mal an wie zurückkehren. Heimkommen. Was ist es, dass wir so fasziniert sind von dem Meer? Das es dort draußen, dort unten, Dinge gibt, die wir noch nicht erkundet haben? Von denen wir uns niemals erträumt haben? Oder ist es der Nervenkitzel dieser beängstigenden Macht, die uns mit aller Kraft ins Meer ziehen kann?

 

Beyond the oceansize, I’m unaware
Locked out the other side
Like I was never there
Like I was never there
They said the boat had sailed
I’d left them bare
Oh how the wind would wail
Like I was never there

Oh Wonder – My Friends

 

Wann immer ich an einem Meer war, bin ich danach mit lauter bunten Muscheln in meiner Tasche nach Hause gefahren. Als Kind glaubte ich an Meerjungfrauen und Muscheln waren ihre besonderen Schätze. Sie zauberten damit den allerschönsten Schmuck. Sie zauberten damit etwas magisches und geheimnisvolles. Wie sie es selbst sind. Wenn ich die Muscheln ans Ohr gehalten habe, flüsterten die Meerjungfrauen mir immer etwas zu. Ich war so in dem Glauben, dass sich in ihnen der Gesang des Meeres, der Gesang von tausend Jahre, befindet. Geschichten. Märchen. Ich wollte diese, den Gesang, mitnehmen nach Hause. Also sammelte ich so viele Muscheln wie ich konnte, bis nichts mehr in meine Taschen gepasst hat. Zu Hause nahm ich ein leeres Marmeladenglas und packte alle Muscheln hinein. Fest zugeschraubt. Der Gesang der Meerjungfrauen sollte für immer da drin bleiben. Mit der Zeit holte ich das Glas immer wieder hervor und legte mir eine Muschel ans Ohr.

Statt Muscheln sammle ich heute Momente. Ich nehme sie mit nach Hause. Momente an die letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne, den warmen Sand unter den Füßen und einem Lächeln auf den Lippen. Wie wir tanzten, voller Leichtigkeit am Strand. Wie wir um die Wette rannten, wer zuerst am Wasser ist. Uns in den Sand fallen ließen und uns nichts weiter kümmerte. Vergruben die Füße im Sand und buddelten uns ein. Wie wir an nichts anderes dachten, als an uns selbst. Tief einatmen, die Lungen voll mit Meeresluft füllen.

Statt Muscheln sammle ich heute Erinnerungen. Ich kehre immer wieder zum Meer zurück und nehme jedes mal eine andere Erinnerung mit. Die meisten sind schön. Andere haben mir gezeigt, nur auf den ersten Blick handelt es sich um eine schöne Muschel, doch als ich sie umgedreht habe war sie zerbrochen. Das Meer zeigt auch zu oft seine mächtige Seite. Wie es zuerst ruhig liegt, mit sanften Wellen und im selben Moment sich aufbäumt und gewaltvoll gegen einen wendet. Vorsicht ist geboten. An den Splittern kann ich mich schneiden. Die Splitter der Muscheln oder der Erinnerungen?

Diese Dinge passen nicht in ein Marmeladenglas. Man kann sie nicht nehmen und einsperren. Sie tauchen immer wieder auf, kommen und gehen wie sie wollen. Diese Dinge passen auch weder auf ein Foto, noch auf einen Tweet, noch auf einen Post. Dafür sind sie zu unförmig, frei und wild. Zu persönlich. Etwas was ich nicht mit der Welt teilen möchte. Später wenn wir alt sind, möchte ich nicht nur Muscheln hervor holen. Oder Konzertkarten, gepresste Blüten oder Festivalbändchen. Ich möchte meinen Enkeln später von den schönsten Erinnerungen erzählen, sodass ihre Augen anfangen zu strahlen. Und ich möchte ihnen die Narben der scharfen Muscheln zeigen.

Als ich auf dem Weg zurück bin, das Meer schon hinter mich gelassen und fast wieder festen Boden unter den Füßen habe, trete ich auf etwas kleines, spitzes. Ich bücke mich, grabe kurz im weichen Sand und greife eine kleine rosa Muschel. Ich betrachte sie in der Hand. Auf der einen Seite schimmert sie in Perlmutt-Farben. Sie ist ein bisschen zersplittert als ich darauf getreten bin. Aber das macht nichts. Denn heute weis ich, das es nicht mehr wichtig ist die schönsten Muscheln zu sammeln. Es ist nicht wichtig ein Glas voller bunter, verschiedener davon zu haben. Ich konzentriere mich stattdessen lieber darauf, Dinge in meinem Herz zu sammeln. Dinge die sich halt nicht in ein Glas einschließen lassen. Ich stecke die Muschel trotzdem in meine Tasche, denn etwas Magie an die Märchen der Meerjungfrauen habe ich mir erhalten. Ich drehe mich ein letztes mal zu dir um. Und manchmal wenn ich heute aufs Meer hinaus schaue, sehe ich ab und zu einen türkis schimmernden Fischschwanz der im Meer verschwindet.

 

Immer wenn ich sie hinaus nehme, ans Ohr halte,

kann ich hören wie sie mir etwas zuflüstern.

Meeresrauschen.

Wind.

Ein Lachen.

Ein Denkarium voller Leben. Tausend Jahre.

Ich lege Erinnerung in mein Herz.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.